Degewo verbannt Wiesenburger - Pressemitteilung Wiesenburg e. V.

Die Wiesenburg ist ein denkmalgeschütztes ehemaliges Obdachlosenasyl von 1896 - das damals größte und modernste - ein Musterasyl seiner Zeit. Das Gelände auf einer Fläche von ca. 12000 qm mitten im Berliner Wedding, kann auf eine wechselhafte Geschichte zurückblicken. In den letzten Jahren hat sich die Wiesenburg zu einem Ort vielseitiger innovativer und prämierter Kultur, des nachhaltigen Handwerks und
einem außerschulischen Begegnungs- und Lehrort für Schüler des Kiezes entwickelt. Im Mai diesen Jahres erhielt die Degewo dieses Gelände von der Senatsverwaltung für Finanzen. Einige Jahre vorher wurde nach einem jahrzehntelangem Rechtsstreit, dem alten Besitzer und Erbauer der Wiesenburg, dem „Berliner Asyl Verein“, das Gelände entzogen.

Räumung vor Weihnachten
ALLE Künstler und Gewerbeschaffenden der Wiesenburg, die sich als „Die Wiesenburg e.V.“ zusammengeschlossen haben, wurden am 26.11.15 von dem neuen Besitzer Degewo aufgefordert, ihre Ateliers, Werkstätten und Wohnräumen umgehend mit sofortiger Wirkung zu verlassen. Der Zutritt ist ab sofort strengstens verboten. Allein die Mieter des Wohnhauses dürfen bleiben.

Als Grund wurde ein neues baustatisches Gutachten genannt, welches besagt, dass die Keller teilweise marode sind und ein Dominoeffekt durch einen möglichen Einsturz der Kappdecken eintreten kann. Das heißt, dass ein riesiges Gelände, bestehend aus unterschiedlichen Gebäuden großflächig plötzlich wegen Materialermüdung in sich zusammenbrechen könnte, welches zwei Weltkriege und 120 Jahre überstanden hat.
Die Wiesenburger zweifeln dieses Gutachten basierend auf bereits erstellten Expertisen und ihren jahrzehntelangen Maßnahmen zur Instandhaltung der Wiesenburg an. Wir wünschen uns eine differenzierte Betrachtungsweise der Gegebenheiten und keine Pauschalurteile.

Dass die Keller zum Teil in einem sanierungsbedürftigen Zustand sind, ist bekannt und keine Neuigkeit. Dies hat die Degewo im Herbst zum Anlass genommen über 200 Stützen in verschiedenen Bereichen, zusätzlich zu den bereits vorhandenen Stützen einzuziehen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Von der Degewo beauftragte Statiker haben die zuvor gesperrten Ateliers danach auf erneute Standsicherheit überprüft und wieder freigegeben. Viele 10.000 € hat die Degewo dafür ausgegeben, um kurze Zeit später selbst festzustellen, dass diese Maßnahmen alle nichts taugen?

Auf Rückfragen konnte die Degewo nicht zusagen, dass die Mieter, die hier teilweise seit Jahrzehnten arbeiten und leben, nach einer Sanierung wieder auf die Wiesenburg zurück können.

Das betrifft u.a. zwei metallverarbeitende Kleinunternehmern, Ateliers z.B.: einer britischen Bildhauerin, einem Holzbildhauer, eines schwedischen Malers, einem Produktdesigner, ein komplett ausgebautes Tonstudio, eine renommierte Tanzkompanie in ihrer erst vor wenigen Jahren aus EU-Mitteln teilfinanzierten Tanzhalle und Imker mit ihren Bienen.

Alle diese Menschen haben in den vergangenen Jahren alles dafür getan, um die denkmalgeschützte Substanz der Gebäude zu erhalten und sich für die Menschen im Kiez mit sozialen Aktivitäten, Workshops und kulturellen Veranstaltungen zu engagieren. Sie haben ihr Geld, Engagement und Zeit in diese Orte investiert, um sich eine Lebens- und Existenzgrundlage zu schaffen. Diese soll ihnen nun einfach entzogen werden. Das Angebot an einige der Wiesenburger, einen leeren Raum in einem anderen Stadtbezirk als Ersatz zu erhalten, ist realitätsfern und bietet nicht allen die Möglichkeit ihren Beruf weiter auszuführen. Ein riesiges Objekt soll quasi über Nacht geschlossen und verlassen werden.

Die Degewo weigert sich, trotz hartnäckiger Verhandlungen, Sicherheiten oder Garantien für die jetzigen Mieter abzugeben und eine Rückkehr der betroffenen Parteien einzuräumen, obwohl diese Bestandsgarantie noch im April per Presseerklärung ausgesprochen wurde. Überschrieben war diese Presseerklärung mit den Worten „Degewo rettet historische Wiesenburg“ – was Degewo unter Rettung versteht, ist uns bisher noch nicht klar geworden.

Überblickt man die aktuellen verlautbarten Pläne der Degewo wird voraussichtlich die kommenden Jahre, nach einem langwierigen Werkstatt-,
Beteiligungs- und Planungsverfahren auf der Wiesenburg gebaut werden. Bis dahin soll dieser Ort leer stehen. Da die Degewo diesen Ort nicht pflegt und keine Kultur mehr zulässt, soll es ruhig um die Wiesenburg werden – ein verwilderter ungenutzter Ort lässt sich leichter abreißen. Es gibt genügend Möglichkeiten den Denkmalschutz zu umgehen und somit einen bedeutenden Teil Berliner Geschichte für immer zu zerstören.

Im April hat die Degewo bereits einen Großteil des Areals, welches nicht normal vermietet war, gesperrt und damit dort die kulturelle und soziale Nutzung kompromisslos und ersatzlos beendet.

Vergangenheit und Zukunft auf der Wiesenburg
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Wiesenburg zu einem sozial- und kulturell wichtigen Ort im Wedding und Berlin entwickelt, welcher international Beachtung findet. Bedeutende Filmemacher wie Schlöndorff und Fassbinder drehten oscarprämierte Filme wie „Die Blechtrommel“, „Lilli Marleen“, „ein Mann will nach oben“. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.
Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur fanden hier statt – von Tanzperformances, über Fotoshootings, Fernsehshows, Video und Filmdrehs und den Austausch internationaler Künstler.
Schüler der umliegenden Schulen konnten hier, teils von Politikern wie Dr. Wolfgang Schäuble kuratierte, Projekte durchführen, ein grünes Klassenzimmer etablieren und sich auf der Wiesenburg heimisch fühlen.

In Kooperation mit dem Quartiersmanagement Pankstr. strebt man seit langem an, die Wiesenburg zu einem Leuchtturm für die Nachbarschaft, den Kiez und Künstler unterschiedlichster Richtung zu machen.

Der Verein „Die Wiesenburg e.V.“ hat sich gegründet, um den bestehenden Planungen der Wiesenburgern, diesen Ort zu einem sozio-kulturellem Zentrum zu entwickeln, eine stärkere Basis zu geben. Ihre Vision fand bereits umfangreiche Beachtung. Auf der internationalen Konferenz „Players
of change“ für innovative Stadtentwicklungsideen wurde es ausgewählt und erhielt große Befürwortung und Aufmerksamkeit.

Die Berliner Bezirksverordnetenversammlung Berlin Mitte und wichtige Vertreter der Stadt unterstützen dieses Anliegen der Wiesenburger.

Seit Oktober gab es bereits zwei Dialogtreffen mit der Degewo, welche zugesagt hat, ein sozio-kulturelles Zentrum neben Wohnungsbau mit in Betracht zu ziehen. Doch so wie es aussieht, wird dies aufgrund der Verdrängung durch Degewo nur ohne die Akteure passieren, die mitgeholfen haben, die Wiesenburg so zu entwickeln. So wird ein Teil der lebenswerten, gemischten Stadt abgetötet und ein Ort geschaffen, dessen Gesicht und Seele nichts mehr mit dem eigentlichen Geist zu tun hat, aus dem er entstand. Hier stehen sich auf der einen Seite das landeseigene Unternehmen Degewo mit seinen ökonomischen Interessen, auf der anderen Seite das Quartiersmanagement Pankstr. gegenüber, die von der Stadt die soziokulturelle Fürsorge für das Quartier erhalten haben und diesen Ort mit den Bewohnern erhalten und weiterentwickeln wollen.

Wir Wiesenburger wollen im offenen transparenten Dialog mit der Degewo eine Lösung durch eine differenzierte Betrachtungsweise finden, so dass die bisherigen Macher vor Ort, die Zukunft der Wiesenburg mitgestalten können.

Nun benötigt die Wiesenburg umfangreiche Unterstützung und Spenden, um den Nutzern anwaltlichen Beistand zu ermöglichen, ein kostenintensives Gegengutachten zu finanzieren und das Zukunftskonzept für einen soziokulturellen Ort für den Kiez weiter entwickeln zu
können. Wir wollen die Wiesenburg vor der Zerstörung retten.

In den nächsten Tagen wird dazu eine Crowdfundingkampagne auf Startnext starten.
Unterstützer wenden sich an diewiesenburg@gmail.com und können auf das Vereinskonto der Sparkasse spenden:

Die Wiesenburg e.V.
Berliner Sparkasse IBAN: DE65 1005 0000 0190 4727 40 BIC: BELADEBEXXX

Umfangreiche Informationen zur Geschichte, den soziokulturellen Aktivitäten und Zukunftsplänen der Wiesenburger finden Sie auf www.diewiesenburg.de

 

(Quelle: Pressemitteilung 03.12.15 v. "Die Wiesenburg e. V.")